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Bericht
über den Grenzabgang im Jahr 1992
Der Heimatpfleger und Forstamtmann Günther Kaerger,
Verfasser der Broschüre "Die Flurnamen der Gemarkung
Hedemünden" hat über den Grenzabgang anläßlich
des 75- jährigen urkundlich nachweisbaren Hedemünden
am 17. u. 31. Mai 1992 schriftlich festgehalten:
'So steht es auf der Einladung. Man konnte also
von Grenzstein zu Grenzstein durch die Wälder und Auen
nach Herzenslust schlendern. Man konnte auch fragen, wo man
denn eigentlich schlenderte und mancher Einheimische konnte,
stolz auf seine Namenskenntnis in seiner Flur verweisen. Schließlich
konnte man sich auch einmal Gedanken machen, was diese Flurnamen
eigentlich bedeuten.Man konnte es, aber man war nicht dazu
verpflichtet.'
Die West- und Nordgrenze waren das Ziel des
17. Mai 1992
Von der Werra ging es die Nettelbeeke hinauf zum Dunkholz
und der Dunkwiese, der Grenze zwischen den Gemarkungen Hedemünden
und Lippoldshausen, der natürlichen Abgrenzung zwischen
den frühzeitlichen Burgen von Hedemünden und Lippoldshausen.
Hier lag also der alte Dunkhof, den wir heute in der Dorfgemeinschaft
von Lippoldshausen finden, zu einer Zeit als die Sachsen in
Einzelsiedlungen lebten bevor römisch/fränkisches
Vorbild sie seit dem 8. Jahrhundert zu Stadt- und Dorfsiedlungen
aufforderte. In der Dunk (in einer tief gelegenen Senke, wie
wir heute sagen würden), lag also dieser Hof, dessen
Stickstoffanfall die Nessel begünstigte, wodurch diese
zum Indizbeweis wurde und den die Nettelbeeke ihren Namen
verdankt.
Im unteren und oberen Siegen, also in der Quellmulde,
ging es hinauf zum hohen Borne. Hier im Grenzhagen, also in
neutralen Grenzstreifen (die Greniz als Grenzlinie kennen
wir endgültig erst seit dem 16. Jahrhundert) war die
Quelle (= Born) des Rischenbaches, der den Hedemündener
Burgberg nach Osten hin natürlich begrenzt (Rin = Rein
= Rinne besagt diese natürliche Grenze, die sich im Ziegengraben
und dem Lippoldshäuser Schäfertal und Dietrichsgrund
zum Brackenberg fortsetzt).
Die Grenze Hedemündens biegt jedoch beim
Ziegengraben zum Osterberg hin ab. Das Grenzgemenge des Eichbühls
(Egge = Grenze) mit den Dingstühlen (= altem Gerichtsplatz)
und der Lerchenbreite (= ein Lerch ist eine Rodung im Grenzgemenge)
weist den Eichbornsgrund hinauf zum Großen Kopf, der
Spitze des Hopfenberges, einer mittelalterlichen Hofstelle
am Junkerstieg (zum Brackenberg), der unser Grenzgemenge bei
der Kohlstelle (hier wurde dem Namen nach geköhlert)
kreuzt. Linnengrund (Linne ist Gerichtsbaum), Strohweg (strut
= tiefer feuchter Grund), sowie der Teufelsgrund (tiuva =
Grenzbann, der sich auf die Jungfrau Maria im Hochmittelalter
bezieht) leiten unser Grenzgemenge zu den Kückenbergen,
von denen man den Grenzgrund der Hadumane (des Streitbaches,
der bei Hedemünden in die Werra mündet und dem Hedeminden,
Haduminne als einstiger Königshof seinen Namen verdankt).
Manntal nennen wir heute diesen Talgrund.
Wir verlassen das Cremr-Holz (was sowohl mit
Mastholz für die Schweine, als auch mit Grenzholz gedeutet
werden kann) und kommen nach Überschreiten des Manntals
in den zum Königshof Münden gehörenden Königswald,
dessen Spitze die Königsköpfe und dessen Verwalter
und späteren Klostervögte die Herren von der Plesse
sind bzw. waren. Der Ran-Malstein (ran = rot = Hoheits-, also
Königsbegriff) erinnert an diesen einstigen Königswald.
Auf dem First im Walde auf der späteren
Grenzlinie zum Amt Brackenberg (AB auf den Grenzsteinen) weitergehend
erreichen wir das Grenzgemenge des Pless - Hagen, welches
der urzeitliche Höhenweg (wir nennen ihn heute den Atzenhäuser
Weg) beim Badenstein durchquert.
Die Ostgrenze der Hemündener Gemarkung
war das Ziel der Grenzbegehung am 31. Mai 1992. Der Grenzgang
begann an der "Wisur", unserer Werra, dem Grenzbannfluß
(wis = Wisch = Grenzbannzeichen) zwischen den verschiedensten
Völkerschaften in den vergangenen Jahrtausenden. Die
Lausebuche (luze = Versteck), in der der "Lausebengel"
lauschte, um den Ort rechtzeitig zu warnen, zeigt mit dem
von ihr ausgehenden Saugraben (soe = Rand) und dem Eichbornsgrund
(egge = Schneide) die Hedemündener Grenze bis zu der
Zeit, als der Tremberg als Grenzgemeinschaft geteilt wurde
(trep - tremp - trep = Anwande = Gemeinschaftsstreifen) und
die heutige Grenze am Lauterbach (lude = Volk = Öffentlichkeit)
zwischen Hedemünden und den Herren v. Berlepsch (auf
den Grenzsteinen steht ein B) entstand. So wie unsere Lausebuche
den Hedemündener Manbezirk abgrenzte, so einst der Gutshof
Ellenbach (ein mittelalterlicher "Elendshof", also
eine Klause oder Wegehof) den Berlepsche Bezirk. Zwischen
beiden die Gemeinschaft des Tremberges.
Die Grenze, der wir nun folgen ist nicht nur
die Grenze zwischen Hedemünden und denen von Berlepsch,
sondern sie ist auch Landesgrenze zwischen Niedersachsen und
Hessen und damit zugleich die Sprachgrenze zwischen dem Niederdeutschen
im Norden und dem Hochdeutschen im Süden. Die sich durch
den Eichholzgrund (hier fand man römische Verlierfunde)
ziehende Grenze überquert am "Taternpfahl",
den alten Weg Ellenbach-Hof und an der "Hasensäule",
den alten Weg zum heutigen Vorwerk Ellenbach, beides Elendshöfe,
die der Verlegung des alten Weges (des Eichholzweges) folgten.
Hinauf geht es nun über den alten Lohkopf (loh - leh
= Grenze im Hang, nicht etwa Eichenlohe) und den Hesselberg
(nicht nach den Hessen benannt), sonder nach den Haselo als
flechtbaren Zaun für den Landwehrknick) zu den Königsköpfen
mit dem Badenstein, dessen Basaltgeröll hier oben in
430 m Höhe einen guten Waldboden hinterließ.
Das Grenzgemenge des Pleßhagen ließ
am alten Höhenweg nach Atzenhausen wieder Anschluß
nehmen an die Reeke (= Grenzhecke) des ersten Grenzganges
und der Nasse Kirchhof erinnert nicht etwa an eine Kirche
sondern an einen Versammlungsort am Höhenweg in der fränkischen
Zeit, wie wir ihn als Vergleich am Kerkhofe oberhalb Wiershausen
und an der Roten Bahn, also auch einem Höhenweg, oberhalb
von Escherode finden.
Diese schlaglichtartige Erklärung der Grenznahmen
zeigt die Belebung eines Grenz- ganges, bei dem viele Teilnehmer
nicht nur ein Stück Heimat in Form eines ideellen Grenzsteinbesitzes
mit nach Hause nahmen, sondern auch einen Einblick in die
975-jährige Geschichte der Heimatlandschaft erhalten
konnte, einer Geschichte, die sich unter anderem hinter den
Flurnahmen verbirgt, wenn es einem gelingt, diese zum Sprechen
zu bringen.
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