2 Die Ur- und Frühgeschichte

Von Friedrich Wilhelm Wulf

Das Werratal um Hedemünden herum war schon lange vor dem ältesten urkundlich erwähnten Datum besiedelt. Aus dem Ortskern von Hedemünden liegen zwar bisher noch keine älteren Funde vor, doch könnte man vermutlich in jeder Baugrube, die im näheren Umkreis der Kirche und des Rappenhofes angelegt würde, durch archäologische Untersuchungen ältere Hausreste und Fragmente von Keramikgefäßen finden. Archäologische Ausgrabungen haben im Gebiet der ehemaligen Stadt Hedemünden eine sehr lange Tradition, die in zweierlei Hinsicht mit den wichtigen Verkehrswegen zusammenhängt, die durch das Werratal bei Hedemünden führen. Zum einen ist immer wieder zu beobachten, daß sich an solchen alten Verkehrswegen bedeutende archäologische Denkmale befinden, zum anderen werden beim modernen Ausbau dieser Verkehrswege immer wieder ur und frühgeschichtliche Fundstellen entdeckt und im Idealfall auch durch Archäologen ausgegraben.

Sowohl durch archäologische als auch historisch-geographische Untersuchungen ist seit langem bekannt, daß schon in prähistorischer Zeit ein bedeutender Landweg von Nordhessen aus durch den Kaufunger Wald in das fruchtbare Leinetal bei Göttingen verlief. Diese Wegeverbindung überquerte die Werra durch eine Furt bei Hedemünden und führte dann vermutlich über den Hackelberg in Richtung Rosdorf. Neben dieser Nord Südverbindung spielte aber auch die Werra eine große verkehrstechnische Rolle, die sie sogar noch bis in das 19. Jahrhundert beibehielt als Transportweg für Holzflöße aus dem Thüringer Wald aber auch für Töpferwaren z.B. aus den nordhessischen Töpfereien in Wanfried und Witzenhausen. Auch die Oberoder Töpferprodukte wurden ja vom 16. bis 19. Jahrhundert über die Werra zunächst nach Münden und von dort aus weiter über die Weser verschifft. An den Handelswegen konzentrierten sich schon in prähistorischer Zeit nicht nur Siedlungsplätze und zugehörige Gräberfelder, sondern auch Burganlagen zum Schutz und zur Überwachung des Handels.

Der zweite Aspekt ist der Anlaß für die Ausgrabungen, die im Gebiet der Gemarkung Hedemünden seit ca. 1870 an verschiedenen Plätzen durchgeführt wurden. Mehrfach nämlich spielte der Bau bzw. Ausbau der Verkehrswege eine entscheidende Rolle. So wurde beim Ausbau der Chaussee Münden Hedemünden (heutige B 80) von 1830 bis 1832 der Haaghügel beschädigt. Anläßlich des Eisenbahnbaus im Jahre 1871 wurde ein zweiter ebenso großer Grabhügel ca. 70 m nördlich des Haaghügels abgetragen und dabei archäologisch untersucht.

Bei der Anlage des Bahnhofes ist im selben Jahr leider unbeobachtet ein Urnenfriedhof zerstört worden. Der Bau der Reichsautobahn im Jahre 1935 wurde im Werratal offensichtlich nicht archäologisch begleitet, sonst hätte man vermutlich zumindest im Bereich des bronzezeitlichen Grabhügelfeldes am Eichholz archäologisch relevante Befunde und Funde entdeckt. Im Bereich dieses Gräberfeldes von ehemals 6 8 Hügeln wurden erste Ausgrabungen bereits 1881 durchgeführt. Weitere Hügel wurden 1959 bis 1961 vom damaligen Bodendenkmalpfleger des Kreises Münden, F.B. Jünemann ausgegraben. 1965 wurde der Ringwall im Sudholz in die Erforschung ur und frühgeschichtlicher Befestigungen zwischen Oberweser und Leine einbezogen. 1978 und 1979 fanden gleich zwei Ausgrabungen in Hedemünden statt. Die erste wurde nötig durch die Neutrassierung der B 80 zwischen Hedemünden und Münden und ergab eine Siedlung der Zeit um Christi Geburt sowie eine auf dem gleichen Platz liegende früh bis hochmittelalterliche Siedlung, die Wüstung Gardelshausen. Um die Jahreswende 1979/80 wurde während der Restaurierung der Michaeliskirche eine baubegleitende archäologische Ausgrabung durchgeführt, die den Nachweis eines Vorgängerbaues aus dem 9./10. Jahrhundert sowie mehrerer Umbauphasen lieferte.

Die ältesten menschlichen Hinterlassenschaften, die bisher in der Gemarkung Hedemünden ans Tageslicht kamen, sind jungsteinzeitliche Hacken und Äxte aus Felsgestein. Eine kleine vollständig erhaltene Hacke (Abb. 23) aus feinkörnigem schwarzem Kieselschiefer wurde 1978 von F. W. Wulf auf dem Ackerstück ‚Unter dem Scharnufer' gefunden. Sie stammt genau wie eine zweite Flachhacke aus graugrünem Felsgestein, deren genauer Fundort leider unbekannt ist aus dem ältesten Abschnitt der Jungsteinzeit, also aus der Zeit zwischen 5500 und 4500 v. Chr. ,Am alten Galgen' fand Landwirt Heinrich Hose beim Pflügen im Jahre 1954 das Fragment einer Felsgesteinaxt, die vermutlich 4000 Jahre alt ist (Abb. 24). Auf dem angrenzenden Ackerstück entdeckte F. W. Wulf 1978 ein zweites Axtfragment inmitten einer Streuung von atypischen vorgeschichtlichen Keramikscherben und wenigen bearbeiteten Flintstücken. In nur ca. 700 m Entfernung wurde schon vor dem 2. Weltkrieg ein Steinbeil gefunden, das sich heute im Heimatmuseum im Hann. Mündener Schloß befindet. Die anderen Steingeräte werden übrigens im Magazin der Kreisarchäologie in Göttingen aufbewahrt.

In den Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit datieren mehrere Flintpfeilspitzen, die unter anderem auf dem Flurstück ,Auf der Haag hinter dem Rischenbache' gefunden wurden.

Sämtliche bisher genannten Fundstücke wurden als Einzelfunde von der Ackeroberfläche abgesammelt. Wir wissen daher nicht, ob sie während des Gebrauchs verloren gingen, oder ob sie bewußt als Beigaben in Gräber mitgegeben wurden, wie dies in den ur und frühgeschichtlichen Zeitepochen bis zur Einführung des Christentums üblich war. Möglich wäre auch, daß die Äxte, Beile, Hacken und Pfeilspitzen auf den ehemaligen Siedlungsplätzen in die Erde kamen.

Das älteste noch überirdisch erhaltene archäologische Denkmal in der Gemarkung Hedemünden ist der oben bereits erwähnte mächtige Haaghügel (Abb. 25), bei dem es sich um den größten Grabhügel im gesamten südniedersächsischen Raum handelt. Der Hügel mit einem Durchmesser von 30 - 40 m und einer Höhe von ca. 4 m wurde möglicherweise schon am Ende der Jungsteinzeit über einer zentralen Totenbestattung aufgeworfen und diente in der folgenden Zeit immer wieder als Bestattungsplatz für weitere Gräber. Ausgepflügte Keramikscherben an der Hügeloberfläche zeigen, daß solche Nachbestattungen noch bis in die jüngere vorrömische Eisenzeit vorgenommen wurden. Ein benachbarter zweiter Hügel von gleicher Größe wurde während des Eisenbahnbaus im Frühjahr/Sommer 1871 abgetragen und dabei von dem hannoverschen Studienrat und Archäologen J.H. Müller sowie dem Bauführer Böttcher und dem Baumeister Rattenbach nach dem damaligen Erkenntnisstand untersucht. Dabei stießen sie auf eine tief in den anstehenden Kies eingegrabene Grube, die mit Asche und aschenhaltiger Erde ausgefüllt war. In der Mitte des Hügels fand sich auf dem natürlichen Kiesgrund eine verschlackte Masse von Eisen, Kohlen und Kalksteinen die durch Feuer zusammengeschmolzen war. Außerdem kamen Stücke von einem dickwandigen schwarzen Tongefäß zutage.

Der bereits beim Chausseebau 1830 32 beschädigte Haaghügel wurde bei der Begradigung der B 80 im Jahre 1979 leider nochmals angeschnitten. In dem dabei freigelegten Profil fand der Kreisdenkmalpfleger des Landkreises Göttingen, K. Grote, einige urgeschichtliche, z.T. wohl älterbronzezeitliche Keramikscherben.

Ein Grabhügelfeld mit 6 8 Hügeln lag ehemals ca. 1,5 km nordöstlich von Hedemünden im Eichholz (Abb. 22). Die Grabhügel wurden z.T. vor der Verkopplung im Jahre 1881 durch den Geometer (Landvermesser) Börje und den Schüler Augustin aus Münden ausgegraben. Durch ständiges Überpflügen kamen Anfang der 1950er Jahre Funde an die Ackeroberfläche, so daß schließlich F.B. Jünemann zwischen 1959 und 1961 weitere Nachgrabungen anstellte. Bereits die Grabungskampagne 1881 ergab bemerkenswerte Bronzefunde (Abb. 26): ein Schwert, zwei Beile, Armspiralen, Scheiben und Radnadeln sowie weitere Bronzereste, Keramikfragmente, Steinartefakte und Skelettreste der Hügelgräberbronzezeit (ca. 1600 1300 v. Chr.), sowie wichtige Erkenntnisse zum Hügelaufbau. So konnte nachgewiesen werden, daß die alte Erdoberfläche vor der Bestattung mit einer Lage von Buchen und Lindenlaub bedeckt worden war, und die Hügel ehemals eine Steinumkränzung hatten. Die Funde werden im Landesmuseum Hannover aufbewahrt. Die Untersuchungen von F.B. Jünemann (Abb. 27) förderten mehrere Nachbestattungen in Form von früheisenzeitlichen Brandgräbern zutage.

Oberflächenfunde deuten darauf hin, daß sich die zugehörige Siedlung in der vorrömischen Eisenzeit ca. 400 m südlich der Grabhügel am westlichen Ausläufer des Tremberges befand. In direkter Nähe fand der Landwirt Siemers aus Hedemünden im Jahre 1899 beim Pflügen am ,Alten Galgen' eine prähistorische Urne mit Deckschale. Da der Verbleib dieser Urne nicht bekannt ist, kann auch nichts zu ihrer Zeitstellung ausgesagt werden.

In die Übergangsphase von der jüngeren Bronzezeit zur älteren vorrömischen Eisenzeit ist ein Fundplatz südlich des Burgweges zu datieren. Hier wurden bei Geländebegehungen durch den Verfasser im Jahre 1976 zahlreiche größere Keramikfragmente entdeckt, die in einem Fall mit einem komplizierten Ritzmuster verziert waren. Die Fundstelle liegt nur ca. 700 m unterhalb der sog. Hünenburg von Hedemünden am östlichen Hangfuß des Sudholzes.

Die Hünenburg (Abb. 28) besteht aus einem langgestreckten ovalen Ringwall von 310 m Länge und 125 m Breite. Sie wurde nur ca. 220 m nördlich der Werra in einem Gelände errichtet, das lediglich im Süden durch einen Steilhang zur Werra natürlichen Schutz bot. Nach Westen und Norden schließt sich nahezu ebenes Gelände an; nach Osten der nur relativ flach abfallende Hangausläufer des Sudholzes. Die über 4 ha große Befestigung besteht aus einem Wall mit außen vorgelagertem Graben, der vor allem im Nordost und Südbereich durch die Anlage von Waldwegen stark gestört worden ist. In den gut erhaltenen Strecken beträgt der Höhenunterschied von Wallkrone zur Grabensohle immerhin noch bis zu 2 m. Eine Wallücke mit leicht nach innen ziehenden Wallenden deutet auf eine alte Toranlage an der südlichen Stirnseite des Ringwalles hin. Besonders im Nordteil der Burginnenfläche sind durch kleinere Sandsteinbrüche sowie durch natürliche Erosion starke Störungen entstanden. Im Frühjahr 1965 wurden durch H.G. Peters, früher Göttingen, jetzt Hannover, mehrere Probegrabungsschnitte in der Burginnenfläche und im Wallgrabenbereich angelegt. Dabei wurden leider nur geringe Besiedlungsspuren und wenige Funde entdeckt, darunter Eisenschlacke, Holzkohle und mehrere charakteristische Keramikscherben prähistorischer Machart. Zu nennen sind ein Becherunterteil mit Besenstrichverzierung, die Randscherbe einer flachen Schale und ein Gefäßunterteil mit Standboden. Der Wall wurde offensichtlich aus Lößlehm, der dem Graben entnommen wurde, aufgeworfen. Im Wallkern fanden sich zahlreiche größere Steine (Abb. 29), allerdings gab es keinen Hinweis auf eine bewußte Verstärkung durch eine Steinmauer oder durch eine Holzkonstruktion. Die Entstehungszeit des Ringwalles ist zwar noch nicht mit letzter Sicherheit geklärt, doch sprechen neben den erwähnten Scherben sowohl die naturwissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse der ausreichend vorhandenen Holzkohleproben als auch der Bodenproben für eine Datierung in die jüngere vorrömische Eisenzeit (1. Holzkohleprobe aus dem Wallkörper: 315 165 v. Chr.; 2. Probe aus der Innenfläche: 260 110 v.Chr.).

Auch die topographische Lage und der Charakter der Burganlage finden Parallelen in anderen Wallanlagen der vorrömischen Eisenzeit im Mittelgebirgsland. Eine spätere Benutzungszeit im frühen und hohen Mittelalter ist durchaus möglich, anhand der bisherigen Grabungsbefunde und funde aber nicht nachweisbar.

Ein Schatzfund von überregionaler Bedeutung wurde bereits 1854 bei Anlage eines Pflanzgartens im Eichholz am alten Wege nach Mollenfelde geborgen. Unter den Wurzeln einer uralten Eiche fand sich neben Resten eines rohen Thongefäßes eine Quantität blanker Silbermünzen von welchen zwei hieher gesandte Stücke als Denare der gens Mamilia und gens Minucia ... erkannt wurden. Diese werden die ältesten römischen Münzen sein, welche im Königreiche Hannover in der Erde gefunden sind, und umso mehr muß man es bedauern, daß der ganze Münzschatz eingeschmolzen ist. Die beiden nicht eingeschmolzenen Denare wurden durch den ausgezeichneten Münzenkenner, Amtsassessor a.D. Einfeld aus Hannover, als römische Denare der republikanischen Zeit bestimmt, von denen der ältere der gens Minucia zwischen 137 und 91 v. Chr. und der jüngere der gens Mamilia in den Jahren 82/81 v. Chr. geprägt wurde. Diese beiden Denare gelangten in die Münzsammlung Dr. Pinkepank in Göttingen, welcher sie um 1862 an einen durchgereisten mit allein Münzen handelnden Juden aus Frankfurt vertauschte. Der Denar der gens Mamilia hatte übrigens als Besonderheit einen ausgezackten Rand. Münzen dieser Art werden als serratus bezeichnet (Abb. 30). Die Zacken waren ehemals in den Rand geschnitten worden, um zu prüfen, ob es sich um einen echten Silberdenar oder um einen schlechten Denar mit silberplattiertem Kupferkern handelt. In der großen Reihe römischer Münzfunde in Niedersachsen nimmt der Denarschatz von Hedemünden insofern eine besondere Position ein, als es sich hierbei um einen der ältesten, wenn nicht sogar um d e n ältesten Schatzfund römischer Münzen handelt. Umso bedauerlicher ist es, daß dieser Münzfund heute unwiederbringlich verloren ist.

Besonders günstige Siedlungsbedingungen schien ein Platz auf der ersten hochwasserfreien Uferterrasse der Werra in unmittelbarer Umgebung des Haaghügels zu bieten. Er wurde erstmals in den Jahrhunderten um Christi Geburt besiedelt und nach einer Unterbrechung von ca. 600 Jahren nochmals zwischen ca. 800 und 1200 n. Chr. Die durch Begehungen des Verfassers bekannt gewordene Fundstelle mußte in einem Teilbereich archäologisch untersucht werden, um einer drohenden Zerstörung durch den Ausbau der B 80 im Jahre 1979 zuvorzukommen. Dabei wurden zahlreiche Siedlungsspuren wie Grubenhäuser, Vorrats und Abfallgruben, Schlackenplätze, ein gepflasterter Weg u.a. freigelegt (Abb. 31) und große Mengen von prähistorischer und mittelalterlicher Keramik und Tierknochen sowie einige Metall und sonstige Funde geborgen. Aus der älteren Siedlungsphase sind als besondere Funde hervorzuheben ein kleines vollständig erhaltenes Miniaturgefäß (Abb. 32) aus Ton, mehrere Scherben eines vermutlich aus dem südlichen Bayern importierten Graphittongefäßes, relativ selten vorkommende Drehscheibenkeramik sowie das Fragment einer bronzenen Fibel (Gewandspange) aus dem 1. Jahrhundert vor Christus (Abb. 32).


Infolge der langjährigen landwirtschaftlichen Nutzung des Flurstückes sind leider die oberen Siedlungsschichten durch den Pflug zerstört worden. Vermutlich konnte daher im Bereich der ausgegrabenen Fläche kein prähistorischer Hausgrundriß mehr nachgewiesen werden. Erhalten geblieben ist aber ein größerer Grubenkomplex, zu dem unter anderem eine kegelstumpfförmige Grube von ca. 1,8 m Tiefe gehört. Innerhalb dieses Grubenkomplexes, der aus Zeitgründen nicht vollständig ausgegraben werden konnte, fanden sich auch die Reste eines keramischen Vorratsgefäßes mit Fingertupfenverzierung, das mehr als 1 kg verkohltes Getreide enthielt. Eine andere Grube war offensichtlich ausschließlich mit Keramikbruch verfüllt worden (Abb. 32). Durch die jüngere, mittelalterliche Siedlungsphase sind einige prähistorische Befunde und Funde zerstört worden. So waren ein eindeutig mittelalterliches Grubenhaus und eine mittelalterliche Grube in den eisenzeitlichen Grubenkomplex eingegraben worden. In einem der insgesamt 8 untersuchten mittelalterlichen Grubenhäuser stammten ca. 20 % der geborgenen Keramik aus der Eisenzeit! Aufgrund der Grabungsergebnisse und der Oberflächenfunde erstreckt sich die mittelalterliche Siedlung über die Flurstücke ,Auf der Haag hinter dem Rischenbache', ,Bei der Haag', Haaghöfe und ,Unter dem Scharnufer' auf einer Fläche von ca. 4 ha. Anhand der zahlreichen Keramik und Metallfunde (Abb. 33) konnte die Siedlungsdauer in den Zeitraum von ca. 800 bis 1200 n. Chr. datiert werden. Hinweise auf den Ortsnamen, die sich sonst recht häufig in Flurbezeichnungen bis in die Gegenwart erhalten haben, ergeben sich für diesen Siedlungsplatz nicht. Lediglich der Flurname ,Haaghöfe' nördlich der Eisenbahn deutet auf eine Ansiedlung hin. Schriftliche Überlieferungen sind von einer Ausnahme abgesehen ebenfalls nicht bekannt. J.H. Müller und J. Reimers erwähnen 1893 eine Urkunde aus dem Jahre 1442, die in einer Abschrift von 1726 erhalten sein soll. Es handelt sich hierbei um eine Schenkungsurkunde an die Kirche Münden, die sich auf die Länderei des Kirchfeldes unmittelbar am Burgweg bezieht. J.H. Müller und J. Reimers zitieren aus dieser überlieferung, deren Original leider nicht mehr auffindbar ist, wie folgt: Ein Morgen vor dem Eickholte by Höventatts Lande und einen Hof gande (?) up dem Kerkhoff to Gardelshausen. Demnach lautet der Name dieser Wüstung ,Gardelshausen'. Da Ortsnamen mit dem Grundwort hausen nach den Erkenntnissen der landeskundlichen Forschung im südlichen Niedersachsen besonders häufig im 9. und 10. Jahrhundert verwendet werden und weitere mittelalterliche Wüstungen in der näheren Umgebung nicht bekannt sind, kann man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß sich der Ortsname Gardelshausen in der besagten Schenkungsurkunde auf die neu entdeckte Wüstung bezieht.

In der ausgegrabenen Fläche in der Trasse der B 80 wurden 7 sogenannte Grubenhäuser, mehrere Abfallgruben, ein Schmiedeplatz, eine Ofenanlage unbekannter Funktion und ein mit kleinen Lesesteinen gepflasterter Weg freigelegt. Am westlichen Rand des Haaghügels konnten im Straßengrabenprofil die Reste eines weiteren mittelalterlichen Grubenhauses dokumentiert werden. Bei den genannten Grubenhäusern handelt es sich um kleine einräumige Häuser bzw. Hütten mit einer Grundfläche von durchschnittlich 4 x 4 m, die aus bestimmten Gründen bis zu 0,8 m in den anstehenden Boden eingetieft sind. Die Grubenhäuser sind als Nebengebäude anzusehen, in denen wohl vorwiegend handwerkliche Tätigkeiten verrichtet wurden. Häufig standen in diesen Hütten große Webstühle, die archäologisch u.a. durch die Funde von sogenannten Webgewichten nachweisbar sind. Die meistens aus Lehm gebrannten Gewichte (Abb. 33) dienten an den senkrecht stehenden Webstühlen zur Straffung der Kettfäden (Abb. 34). In der Wüstung Gardelshausen dienten mindestens zwei der freigelegten Grubenhäuser als Webhütten. Beide verfügten auch über eine Herdstelle. Reste eines großen ebenerdigen Wohnstallhauses konnten leider nicht mehr entdeckt werden, vermutlich sind diese Befunde durch das ständige Überpflügen zerstört worden. Recht ungewöhnlich ist der Nachweis eines gepflasterten Weges in einer kleinen ländlichen Siedlung. Der in Nordost Südwest Richtung parallel zur Terrassenkante verlaufende Weg hatte eine Breite von ca. 2,5 m und wurde auf einer Länge von 18 m freigelegt.

Auf dem Haaghügel soll ehemals ein katholisches Bethaus (Kapelle) gestanden haben, dessen Reste noch in neuerer Zeit vorhanden waren. Heute finden sich dort keinerlei Hinweise mehr.

Während der Ausgrabung wurden neben großen Mengen von Keramik und Tierknochen auch zahlreiche Eisenfunde, wie Scheren, Messer, Klappmesser, Nägel, einige Gegenstände aus Bronze sowie 2 Kämme aus Knochen gefunden. Die Keramik spiegelt deutlich kulturelle Beziehungen zwischen dem nordhessischen, nordthüringischen und südniedersächsischen Raum wieder. Neben den zahlreich gefundenen sogenannten Kugeltöpfen und kannen kamen auch einige Standbodengefäße mit Wellenlinienverzierung, mehrere Pfannen sowie ein kleiner Spielzeughirsch zutage (Abb. 33). Als herausragendes Fundstück konnte in Haus 11 eine bronzene Emailscheibenfibel mit vergoldeter Schauseite aus dein 10. Jahrhundert geborgen werden (Abb. 35).

Die Aufgabe der Siedlung Gardelshausen in der Zeit um 1200 fällt interessanterweise zeitlich zusammen mit dem historisch überlieferten Baudatum der Michaeliskirche im Jahre 1210. Es ist zu vermuten, daß die Einwohner von Gardelshausen nach Hedemünden umsiedelten bzw. umgesiedelt wurden und daß in diesem Zusammenhang eine Kirchenerweiterung notwendig wurde. Bei der jüngsten umfassenden Renovierung der Michaeliskirche um die Jahreswende 1979/80 wurden im Auftrage der Kreisdenkmalpflege Göttingen vom Verfasser baubegleitende archäologische Untersuchungen durchgeführt. Als wesentliches Ergebnis ist der Nachweis zweier älterer Vorgängerbauten zu nennen (Abb. 36). Demnach bestand am Platz der heutigen Kirche vom 9./10. Jahrhundert bis 1200 eine kleinere einschiffige Saalkirche mit leicht eingezogener halbrunder Apsis im Osten und abgetrenntem Westbereich (Abb. 37 oben). Die Gesamtlänge betrug ca. 17 m; die Breite ca. 8,7 m. Der Grundriß dieser ältesten Kirche ist im Kircheninnern trotz starker Störungen durch die Anlage von Einzelgräbern und Grüften sowie Einbau der alten Warmluftheizung in den 1950er Jahren vollständig rekonstruierbar. Lediglich die Tiefe des abgetrennten Westteils konnte bisher nicht ermittelt werden. Es wäre durchaus denkbar, daß sich der Westteil ehemals noch weiter unter dem heutigen Turm fortgesetzt hat, zumal die nördliche Längsmauer des ältesten Kirchengrundrisses genau in der Flucht der nördlichen Kirchturmmauer liegt.

Der historisch überlieferte Neubau des Jahres 1210 erfolgte in Form einer größeren zweischiffigen Basilika oder Hallenkirche (Abb. 37 unten) mit halbrunden Apsiden. Die rekonstruierte Länge des Hauptschiffes beträgt ca. 24 m; die des nördlichen Seitenschiffes ca. 21 m; die Gesamtbreite liegt bei 14 m.

Durch diverse An und Umbauten vom Spätmittelalter bis zum Barock erhielt die Kirche ihre heutige Form. Noch im Spätmittelalter wurde die Kirche nach Süden erweitert, der mächtige bergfriedartige Turm erbaut und die Ostwand mit geradem östlichen Abschluß errichtet. In der Barockzeit wurden als letzte Veränderungen das heutige Mansarddach, die Kirchturmhaube, das südliche Eingangsportal, die Fenster und die Innenausstattung durchgeführt.

Die Ausgrabungen in der Michaeliskirche ergaben eine ungewöhnlich große Menge von Keramik , Metall , Glas und sonstigen Funden vom Hochmittelalter bis in die Neuzeit. Herausragend ist ein großes Trinkglas mit Fadenverzierung (Abb. 38), das vermutlich aus der Zeit um 1300 stammt und als liturgisches Gerät gedient hat. Unter den insgesamt 8 gefundenen Münzen sind besonders erwähnenswert ein Pfennig Albrechts II. (1286 1318) aus der Münzstätte Göttingen oder Nienover (Abb. 39,1), ein Hohlpfennig der Stadt Göttingen aus dem 15. Jahrhundert (Abb. 39,2) sowie ein sehr seltener Pfennig der Abtei Corvey aus dem Jahre 1557 (Abb. 39,3).



Quelle: Heinrich Hampe, Hedemünden - Aus der Geschichte einer kleinen Ackerbürgerstadt
Das Buch wurde zum 975jährigen Bestehen Hedemündens im Jahre 1992 veröffentlicht. Es ist im Handel nicht mehr erhältlich. Ein Exemplar des Buches befindet sich in der Ortsbücherei Hedemünden. Auszüge aus dem Buch werden hier mit freundlicher Genehmigung von Herrn Hampe wiedergegeben.