1.5 Die Werra

Viele Einwohner haben im Laufe vergangener Jahrhunderte ihr Leben auf die Nähe zum Fluß eingerichtet. Neben den Fischern, Schiffern und Flößern verdienten vor allem die Fährleute und Flußmüller mit der Arbeit an der Werra ihren Lebensunterhalt. Besonders die Mühlen eine zu Hedemünden gehörende Mühle wurde schon 1017 erwähnt waren von zentraler Bedeutung für die Versorgung der Bevölkerung.

Zum Antrieb der Wasserräder legte man einen Mühlengraben an, in den das Werrawasser mit Hilfe eines diagonal im Fluß liegenden Streichwehrs hineingeleitet wurde (Abb. 15). Das Wehr verhinderte zwar jeglichen Längsverkehr auf diesem Teil des Flusses, es konnte jedoch von den Schiffen und Flößen durch die auch heute noch für kleine Boote befahrbare Lake (Lache, Floßgasse) umgangen werden. Dieser kleine Nebenarm zweigt etwa 900 Meter oberhalb der Mühle am linken Flußufer von der Werra ab und vereinigt sich etwas unterhalb der Mühle wieder mit dem Fluß. Früher stand die Lake, damals als ,Fehrloch' (1733), Fährhof (1742) und Lache bezeichnet, etwa 300 Meter nach ihrer Abzweigung durch einen schmalen Graben noch einmal mit der Werra in Verbindung. Dadurch hatte sich eine kleine Flußinsel, der ,Funken oder Hessen Werder' gebildet. Danach floß sie in einem größeren Bogen um eine zweite Flußinsel, den ,Hennings Werder' (auf neueren Karten oft als ,Schrader Werder' bezeichnet), herum und vereinigte sich unterhalb des Streichwehrs wieder mit der Werra. Hier konnten die Wasserfahrzeuge wieder in den Fluß zurückkehren. Gleich unterhalb der Einmündung zweigte im 18. und 19. Jahrhundert ein schmalerer Graben wiederum am linken Ufer nach Süden ab, direkt auf den Kalkberg zu, an dessen Fuße er bis an die heutige Einmündungsstelle der Lake oberhalb der Brücke entlanglief. Dieser Graben, der ebenfalls als Lache bezeichnet wurde, war früher vermutlich nur bei hohem Wasserstand der Werra gefüllt. Durch ihn entstand eine dritte Insel, der ,Mühlen Werder'. Später wurden die Flußinseln miteinander verbunden. Die alten Namen blieben bis heute erhalten. Eine vierte Flußinsel, der ,Schlangen Werder' hatte sich durch die Anlage des Mühlengrabens am gegenüberliegenden Ufer gebildet.

Die jeweiligen Bürgermeister der Stadt Redemünden hatten als herzogliches Privileg das Nutzungsrecht an der sogenannten Dienstwiese des Bürgermeisters, die an der westlichen Spitze des Henningswerders lag.

In die Karte von 1841 /42 sind die beiden Treibwege (Treidelpfade) eingezeichnet, auf denen die Schlepper ihre Schiffe stromaufwärts zogen. Abhängig vom Wasserstand der Werra nutzten sie zwei Wege.

Zwischen Henningswerder und Mühlenwerder schob sich eine kleine Landzunge, die auf der alten Karte als ,Hessische Spitze' bezeichnet wird. Sie gehörte, wie das ganze Gelände, das an das südliche Ufer beider Lachen grenzte, zum hessischen Gebiet der Grafen von Buttlar. Als im Herbst 1845 diese kleine Halbinsel durchstochen wurde (Abb. 16), um die heutige Lake zu schaffen, blieb das abgetrennte Stück politisch hessisch, obwohl es nun nur noch durch Überquerung der Lake vom linken Ufer aus zugänglich war, und die Grundfläche in den Besitz zweier Hedemündener Einwohner gelangte.

Früher maß es stromabwärts noch zwei weitere Werder gegeben haben, die später, vermutlich nach Veränderungen des Flußlaufes, dauerhaft mit dem nördlichen Ufer verbunden blieben: Der Große Werder und der Werder genannt uppe deme Sande bei Oberode, wie er in der am 18. Mai 1460 ausgestellten Urkunde heißt, in der Herzog Otto die von Hedemünden mit diesem Werder begnadet. Beide Werder lagen am rechten Flußufer, etwa dort, wo heute die Werra gegenüber der Ostspitze des Sudholzes an die Bundesstraße 80 stößt.

Sicher hat es während der langen erdgeschichtlichen Entwicklung unseres Raumes immer wieder Veränderungen im Werralauf gegeben. Unwetter, hohe Wasser und Eysfahrten rissen die Ufer weg und beschädigten Wasserfahrzeuge und Wehre. Die Bürger waren verpflichtet ,Hand und Spanndienste' zur Erhaltung der Uferstreifen zu leisten. Seit 1867 ist die Schauung der Werra belegt, eine vom Amt Münden angeordnete Vorgängerin der später jährlich stattfindenden Uferschau. Bei diesen Besichtigungen wurden notwendige Unterhaltungsarbeiten festgestellt und den Anliegern zur Erledigung aufgegeben. Für stadteigene Ufer und die Ufer der Werder die Stadt hatte sie als Lehen inne war Hedemünden zuständig. Die Stadt vergab die Arbeiten an Schiffer (Abb. 17), Steinbrecher und Tagelöhner.

 

Der Zustand der Werra im Hedemündener Bereich hat in vergangenen Jahrhunderten immer wieder Anlaß zu verschiedenartigen Beschwerden gegeben und zu Klagen der Mündener Schiffergilde beim Amt Münden geführt. So wird zum Beispiel in einem Schriftstück vom 1. April 1698 bemängelt, daß die vom Eis des letzten Winters verursachten Schäden in der Lache von der Stadt Hedemünden nicht beseitigt worden seien, und Weiden und Erlenbäume zu dicht am Ufer stünden, wodurch bei hohem Wasser in der schmalen Lache eine erhebliche Gefahr besonders für beladene Schiffe bestünde. Im Jahre 1711 wurde für den Prallhang des Hedemündener Werders (Mühlenwerders) die Anlage einer Schlagd gefordert. Wie eine dem Schriftstück beiliegende Handskizze zeigt (Abb. 18), sollten eingerammte Pfähle das Stranden am Ufer verhindern. Die Hedemündener Verwaltung veranschlagte die Kosten für den Bau auf 150 Tlr und forderte die Schiffergilde auf, eine erkleckliche Summa Geldes beizusteuern. Zwei Jahre später fand ein Ortstermin in Anwesenheit des Amtsschulzen Valheimb, der Gildemeister Asmus Bischof und Hans Bürmeister aus Münden, des Bürgermeisters und des Kämmerers der Stadt Hedemünden statt. Dabei wurden die Hedemündener aufgefordert, einen alten Stuken aus dem Fahrwasser zu entfernen und die Schlagd weiter stromaufwärts zu verlängern. Doch man wurde sich nicht einig:

Die Stadt wäre solches zu thun nicht schuldig auch ohnmöglich, maßen die bereits geschehene reparation an ihrem Werder Kostbahr genug gefallen. Die Stadt Hedemünden wies bei ihren Ablehnungen immer wieder auf die Verpflichtung des Landes zur Übernahme von Unterhaltungsarbeiten in der Werra hin, da das Flußbett in dessen Besitz sei.Eine lohnende Verdienstmöglichkeit für einige Hedemündener Bürger bot der Fischfang. Von einer außerordentlichen Artenvielfalt und großem Fischreichtum wird wiederholt berichtet. So erfahren wir zum Beispiel, daß der Fährmann und Schiffer August Oppermann (geb. 1860, gest. 1940) zeitweise bis zu sechs Zentner Fisch täglich fangen konnte. Die Fischer benutzten bei ihrer Arbeit meist sogenannte Lattenschiffe (Abb. 19), die sie oftmals selbst gebaut hatten. Ihre Fanggeräte entsprachen denen der Fischer im Oberweserraum, die von HENCKEL ausführlich beschrieben worden sind. - Im Jahre 1860 bat der Fährenpächter Oppermann in einem Gesuch an das Amt Münden um die Erlaubnis zur Anlage eines Aalfanges.

Über die Verpachtung der Fischerei berichtet die Kämmereirechung von 1857: ... die der hiesigen Cämmerei zustehende Fischereigerechtigkeit ist am 28. Juny 1856 den nachfolgend genannten hiesigen Bürgern und Einwohnern auf 3 Jahre und zwar vom 1.1.1856 bis dahin 1859 für ein jährlich zu Martini an die Cämmerei zu zahlendes Pachtgeld ad 2 Tlr 6 gGr 10 Pf Courant in Pacht gegeben, zu dieser Pacht bezahlt pro Martini 1857: a. Schiffer Heinrich Oppermann 7 Tlr 2 gGr, b. Fährmann August Oppermann 9 Tlr 2 gGr, c. Ludwig Kellner 9 Tlr 2 gGr, d. Friedrich Kramer 9 Tlr 2 gGr, e. Friedrich Lütersen 9 Tlr 2 gGr.

Später wurde die Fischerei lange Zeit überwiegend nur an einen Interessenten verpachtet: Schiffer Heinrich Oppermann (1876, 15 Mark jährlich), Fährmann Pflüger (1882, 34,50 M), Schiffer August Oppermann (1886, 1888/89, 15 M), Fischer Oppermann (1904, 75 M), Dr. med. Grahl (1912, 78 M), Schiffer August Oppermann (1924, 60 M). Im Jahre 1914 wurden von der Stadtverwaltung Fischerei-Erlaubnisscheine an Dr. Grahl, Fischereiaufseher Heinrich Laspe, Fischer Pflüger, Bernhard Oppermann, August Oppermann, jun. und August Oppermann, sen. (Abb. 20) ausgegeben.


 

Seit 1713 hat es nach HENCKEL Landfischzüge an Weser und Werra gegeben, die einmal jährlich am 1. Oktober für die fürstliche Hofhaltung in Münden, später alle drei Jahre für das Amt Münden, durchgeführt wurden. Im Jahre 1857 wurde von einem Fischzug im Bereich Hedemünden berichtet, an dem 13 Gimter Fischer mit ihren Lattenschiffen teilnahmen .5' Zwanzig Jahre später kündigten die Mündenschen Nachrichten einen gleichen Landfischzug von Gimter Fischern auf der Werra an, welcher sich bis zur hessischen Grenze bei Blickershausen erstreckt und bei Hedemünden seinen Glanzpunkt, nämlich das massenhafte Fangen von Fischen hat. Besonders im Mühlenarm, in dem stromabwärts mit großen Netzen vom Ufer aus gegen das Hedemündener Wehr gefischt worden ist, war die Ausbeute groß. Es heißt in der Ankündigung weiter: In früherer Zeit hatte ein Landfischzug alle drei Jahre stattzufinden, um die Gerechtsame der Gimter Fischer zu wahren; er wurde amtsseitig befohlen und mußte ein Beamter dabei gegenwärtig sein und ein Protocoll über den Verlauf des Tages aufnehmen. Von dem Ertrage erhielt der Fiscus den dritten Theil, den besten Fisch aber der erste Beamte.


Am 28.10.1877 berichtete die gleiche Zeitung über den Verlauf des angekündigten Fischzuges u.a.: ... So interessant indeß der Fischzug war, so gering war das Ergebniß desselben gegen frühere Jahre, was theils in dem Umstande seinen Grund hatte, daß das Bett des Flusses durch Grandfischen in den letzten Jahren zu ungleich wurde und den Fischen so zu viel Gelegenheit geboten, unter den Netzen weg zu entschlüpfen, theils auch enthielt das Bett angeschwemmte Bäume und Dornen, an welchen die Netze hängen blieben, bei deren Entfernung gleichfalls eine Menge Fische entflohen. Namentlich beim Aufbringen der Garne auf das Land wurde es nöthig, das Netz von einem astigen Stamme zu entfernen, zu welchem Zwecke es in die Höhe gehoben werden mußte, wobei die Hälfte der Eingeschlossenen sich davon machte, indeß doch noch etwa fünfzig der prachtvollsten Brassen den Ertrag des ersten Zuges bildeten. Ein zweiter Zug erzielte einen bei weitem besseren Erfolg, jedoch nur in Brassen, Barben und Weißfischen bestehend; ein Hecht von 1/2 Pfund fand sich unter ihnen. - Mit dem in diesem Bericht angesprochenen Grandfischen ist die Förderung von Kies vom Grunde des Flusses gemeint.

Pläne, die Werra auch für größere Schiffe befahrbar zu machen, verfolgte der ,Verein zur Schiffbarmachung der Werra' (Sitz Eschwege), der von der Stadt Hedemünden sogar finanzielle Unterstützung erhielt. Im Jahre 1907 fand eine Besprechung der Angelegenheit in Eisenach statt.59 Trotz jahrhundertelanger Bemühungen ist dieses Projekt dann doch nicht verwirklicht worden.



Quelle: Heinrich Hampe, Hedemünden - Aus der Geschichte einer kleinen Ackerbürgerstadt
Das Buch wurde zum 975jährigen Bestehen Hedemündens im Jahre 1992 veröffentlicht. Es ist im Handel nicht mehr erhältlich. Ein Exemplar des Buches befindet sich in der Ortsbücherei Hedemünden. Auszüge aus dem Buch werden hier mit freundlicher Genehmigung von Herrn Hampe wiedergegeben.