1.3.2 Die Waldweidewirtschaft

In früheren Jahrhunderten wurden Pferde, Kuhvieh, Schweine, Schafe und Ziegen der Stadtbewohner von Mai bis Oktober auf stadteigenen Grasländereien, Brachflächen und vor allem im Wald gehütet. Pferde, Hornvieh und Schafe trieb man überwiegend auf Grasweiden, Schweine eher auf Ödland und im Spätsommer und Herbst zur Eichel und Bucheckernmast in den Wald. Für die Ziegen gab es die Ödflächen, besonders an den Hängen, mit Kraut , Graswuchs und Gesträuch. Die Hude auf der Brache und auf den abgeernteten Stoppelfeldern wurde zur Erholung der anderen Weideflächen betrieben. Alle Tierarten weideten auch in den Wäldern. Man ließ sie natürlich nicht unbeaufsichtigt, jede Tierart hatte ihren eigenen Hirten.

Hedemünden besaß außer den Weiderechten im eigenen Forst noch weitere im Kaufunger Wald. Die Stadt Hedemünden hat [nach der ,Beschreibung der Amts Mündischen Forsten im Obergericht Münden' von 1739] mit ihren Rindern, deren sonst 40 Stück vorhanden gewesen sein sollen, die Hued und Weide gleichfalls im Gemeinen Kaufunger Walde und geben davor jährlich an das Amt 15 Gulden. In den Kämmereirechnungen erscheinen 1743/44 Zahlungen von WeydeGeld. Die Stadt unterhielt deshalb vom sechzehnten bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bei Oberode einen eigenen Rinderstall, in dem die Tiere nachts untergebracht werden konnten.

Der Zeitpunkt der Verleihung des Weide oder Hute(Hude)rechts an Hedemünden ist unbekannt. Dieses Recht erlaubte den Bürgern sowohl die gemeinschaftliche Nutzung der gemeindeeigenen Grundstücke in der Talniederung, wie z.B. des Pfingstangers und der Viehtrift, als auch die Hude im Wald. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Waldweide auf die südlichen Teile ,Fuchsberg' und ,In den Birken' beschränkt und schließlich ganz untersagt. Das Weiderecht schloß immer auch das Triftrecht ein: das Vieh durfte auf seinem Weg zum Weideplatz alles abfressen, was auf dem ,Triftwege', nicht aber daneben, wuchs.

Die Hedemündener ,Trift' verlief vom Klippentor aus aufwärts zu den Hauptweidegebieten (vgl. die Karte, Abb. 11). Das Tor war das einzige, das im Zusammenhang mit dem Viehtrieb in den Archivalien genannt wird.

Im Hinblick auf die Anzahl der Einwohner war der Viehbestand während der Jahre, aus denen uns Ergebnisse von Viehzählungen vorliegen, beachtlich. So wurden z.B. im Jahre 1739 folgende Tiere zur Weide in den Wald getrieben: 48 Zugochsen, 40 Pferde, 104 Stück Hornvieh, 600 Schafe, 126 Schweine und 80 Ziegen, insgesamt also rund 1000 Tiere. Von den Tierbeständen aller Haushalte liegen uns für die Jahre 1739 bis 1780 die Zählungsergebnisse vor, Schafe ausgenommen. In diesem Zeitraum wurden Höchstzahlen für Pferde (52), Rinder, Kühe und Schubrinder (179), Schweine (287) und Ziegen (141) erreicht. Das mag zwar für die Bürger einer kleinen Ackerbürgerstadt eine erfreuliche Zahl gewesen sein, für den Wald aber war es eine Katastrophe. Das Vieh zerstörte die Erdoberfläche, die dadurch verstärkt der Erosion ausgesetzt war und vernichtete beständig alle nachwachsenden Pflanzen, so daß sich der Wald nicht selbst verjüngen konnte.

Um nicht noch größere Ödflächen entstehen zu lassen, legte man die Kulturen in Zuschlag (Weideverbot), nachdem sie mit Eichen und Buchensamen mittelst Hackenschlages bestecket und an der Triftseite mit Dornen befriediget worden waren. Größere Kulturflächen wurden mit einer 5 Fuß (etwa 1,23 m) hohen Hecke aus Hain und Rotbuchen mit zwischengesetzten Eichenheistern umpflanzt und von außen zusätzlich mit Dornen geschützt, um das Weidevieh abzuhalten; eine mühsame Arbeit, die viel Zeit in Anspruch nahm und häufig größere Kulturvorhaben hinauszögerte oder verhinderte.

Sobald die Jungbäume im Innern des Zuschlages groß genug waren, konnten die bepflanzten Flächen wieder beweidet werden. Man hatte die Bäume jeweils so weit auseinandergepflanzt, daß ein Hudebewuchs aus Stauden und Gras unter und zwischen ihnen entstanden war.

Das Weiderecht wurde im Jahre 1881 abgelöst, um weitere Aufforstungen zu ermöglichen.



Quelle: Heinrich Hampe, Hedemünden - Aus der Geschichte einer kleinen Ackerbürgerstadt
Das Buch wurde zum 975jährigen Bestehen Hedemündens im Jahre 1992 veröffentlicht. Es ist im Handel nicht mehr erhältlich. Ein Exemplar des Buches befindet sich in der Ortsbücherei Hedemünden. Auszüge aus dem Buch werden hier mit freundlicher Genehmigung von Herrn Hampe wiedergegeben.