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1.2 Die Verkehrsverhältnisse
Die Werra hatte jahrhundertelang als Wasserstraße für
den Frachtverkehr besonders für den Transport von Massengütern
und zerbrechlichen Waren zwischen Thüringen und der Weser erhebliche
Bedeutung. Um den Fluß in noch größerem Maße
für die Schiffahrt nutzbar zu machen, versuchte Landgraf Moritz
von Sachsen (1521 1553), die Werra auch oberhalb von Wanfried für
die gängigen Schiffe jener Zeit schiffbar auszubauen. Da aber
die Anlieger des Flusses nicht bereit waren, das Ufergebüsch
zu beseitigen und ihre Wiesen für die Anlage eines Treidelpfades
zur Verfügung zu stellen, scheiterte der Versuch. Auch Herzog
Ernst I. von Gotha (1640 1675) konnte den gleichen Plan nicht durchsetzen.
Schon damals, aber auch später, tauchte immer wieder der Gedanke
auf, die Werra mit dem Main und darüber hinaus mit der Donau
zu verbinden, um eine Großschiffahrtsstraße zwischen
Donau und Nordsee zu schaffen.
Einen Teil des Längsverkehrs auf dem Fluß übernahm
die Werraflößerei, die sich nach DELFS bis zum Anfang
des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen läßt. Damals
schon fuhren Langholzflöße aus Thüringen werra und
weserabwärts. Die Dielenflößerei auf der Werra ist
aus dem Jahre 1572 belegt. In vielen thüringischen und hessischen
Orten banden Dielenhändler die Flöße zusammen und
schickten sie flußabwärts. Nach WOLF bauten auch die
Hedemündener im Jahre 1772 neun Flöße. Das letzte
Floß wurde 1937 unmittelbar oberhalb der Werrabrücke
gebunden (Abb. 4).
Das Einbinden der Flöße setzte erfahrene Flößer
und geschickte Helfer voraus. Zunächst mußten einheimische
Gespannbesitzer das Holz aus den Wäldern heranfahren. Die Floßhölzer
wurden am Ufer sortiert, gekennzeichnet, ins Wasser gerollt und
dort unter Einsatz verschiedener Arbeitsgeräte Floßhaken,
Beil, Wendhaken, Holzbohrer eingebunden. Die Größe der
Flöße richtete sich nach den Gewässerverhältnissen,
ihre Form und die Bindemethoden waren häufig von Ort zu Ort
verschieden. Werraflöße waren nicht sehr groß;
im Flößerdorf Wernshausen hatten sie nach KEWELOH eine
Länge von 22 m und eine Breite von höchstens 3,75 m.
Der Hedemündener Floßplatz lag unterhalb des Fährhauses
(Abb. 5). Die vorbeifahrenden Flöße beförderten
in erster Linie Langholz, Dielen, Latten und Balken, zusätzlich
wurden spezielle Hölzer wie Achs und Fußholz geladen.
Ungebundene Scheitholztriften hat es hier wohl nicht gegeben, denn
Großabnehmer von Brennholz, wie die Saline in Sooden, gab
es im Hedemündener Umland nicht. Auf der Reise zu ihren Zielorten
nahmen die Flößer oft ,Oblast' mit, die sie unterwegs
oder am Zielort im Auftrage der Lieferanten verkauften. Sie wurden
dafür bezahlt und nutzten diese Gelegenheit, ihren eigenen
Verdienst aufzubessern. Glas, Irdenware, Obst, Eisen, Manufakturwaren,
Fässer, Holzkohle und ähnliche Produkte wurden gern mitgenommen.
Es ist bekannt, daß auch die Oberoder Töpfer ihre Irdenware
den Flößern mitgaben. Die Hedemündener Töpfer
verschickten nach Aufzeichnungen von Kantor Teipel (um 1790) nur
kleinere Mengen mit dem Schiff werraaufwärts, die anschließend
ins Eichsfeld weiterbefördert und dort verkauft wurden.
Das Lenken der langen Flöße war schwierig. Dem Führer
des Steuerruders half mindestens ein weiterer Flößer
oder Floßknecht, später auch ein dritter Mann. Die Begleiter
sorgten mit Staken für den nötigen Abstand des Floßes
vom Ufer. Trotzdem ließen sich Beschädigungen der Flußufer
und dort befindlicher Anlagen nicht immer vermeiden. Dann mußte
zwischen Flößern und Geschädigten verhandelt und
eine Entschädigung gezahlt werden. In solchen Fällen gab
es gelegentlich Streit zwischen den Parteien. Andererseits waren
die Flößer in den ufernahen Ortschaften gern gesehen:
Sie kauften dort ein und boten ihre Waren an. Zusätzlich ließen
sich mit ihnen Abmachungen über den Transport und Verkauf eigener
Produkte aushandeln.
Die Werraflößerei hatte nach DELFS ihre Blütezeit
im Laufe des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1939 passierte das letzte
aus Thüringen kommende Floß Hedemünden und die Schleuse
in Münden.
Da alle Versuche, die Werra in ihrem Oberlauf nicht nur für
Flöße, sondern auch für Schiffe befahrbar zu machen,
fehlgeschlagen waren, konnte der Schiffsverkehr erst bei Wanfried
beginnen.
Im 18. Jahrhundert benutzten die Weserschiffer für den Schleppzugverkehr
drei verschiedene Schiffsarten: Das größte Schiff war
der Bremer Bock, dessen Schleppkahn der etwas kleinere Achter oder
Hinterhang, das Ende bildete als kleinstes der Bulle. Für die
Werraschiffahrt sind Bock und Bulle mit Einzelfahrten überliefert.
Die Sitzbank befand sich im vorderen Drittelpunkt der Schiffe. Sie
war in der Mitte mit einer Bohrung versehen, in die der Mast eingesteckt
werden konnte. Bei günstigem Wind ließ sich am Mast ein
Segel hissen, um die Fahrt des Schiffes zu beschleunigen. Bei Bergfahrten
mußten die Schiffe vom Ufer aus getreidelt (geschleppt) werden
(Abb. 6). Die Treidler (Treiber, Schlepper) legten das Seil über
die Schulter und zogen das Schiff bis zum nächsten Werradorf,
um es der dortigen Treidelmannschaft zu übergeben. Oft wurden
auch Pferde vorgespannt (Abb. 7), die die 10 bis 15fache Kraft eines
Mannes hatten. Das Treideln bot etlichen Bewohnern der Werraorte
einen Zuschuß zu ihren Lebenshaltungskosten. Die Schiffer
steuerten und stakten während des Treidelns gegen den Schrägzug
des Seiles, um nicht ans Ufer gezogen zu werden. Die Treidelpfade
an den Flußufern sind bis heute fast durchgehend erhalten
geblieben. Sie stehen unter Verwaltung der Wasser und Schiffahrtsämter.
Die Mündener Schiffer waren in den Schiffahrtsbereichen der
unteren Werra, der unteren Fulda und der Oberweser führend.
Selbst nach dem Bau der Kassel Haueschen Eisenbahn befuhren ihre
Schiffe noch geraume Zeit diese Flußabschnitte. Die Mündenschen
Nachrichten veröffentlichten beständig die aktuellen Schiffahrts
Nachrichten', zunächst sogar unter Angabe der beförderten
Frachten. Wir erfahren, daß die Mündener Schiffer Lieberknecht,
Fr., G., C. und Joh. Francke die Werra befuhren, u.a. Schwerspat,
Kalksteine, Ton, irdene Pfeifen, Blasinstrumente, Glaubersalz und
Kartoffeln nach Münden brachten und mit Steinkohlen, Kolonialwaren,
Häuten, Petroleum u.a. werraaufwärts fuhren. Trotz des
Rückgangs der Frachtschiffahrt übten aber auch noch Schiffer
der Flußdörfer ihren Beruf weiter aus: der Schiffer Henze
aus Oberode wurde in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts immer
wieder im Zusammenhang mit der Beförderung von Töpferwaren
in den Schiffahrts Nachrichten erwähnt. Die Hedemündener
Schiffer Oppermann transportierten 1866/67 nach den Zeitungsmitteilungen
Kalksteine, Schwerspat und Ton. Seit 1872 setzten sie ihre Schiffe
im Uferbau ein. Der Name des Hedemündener Schiffers Louis Pflüger
wird im Zusammenhang mit diesen Arbeiten ebenfalls genannt.
Während der Längsverkehr auf dem Fluß durch Gerölleinspülungen
der Bergbäche oft behindert wurde, brauchte der Querverkehr
solche Ablagerungen. Dort nämlich, wo sich eine Barriere gebildet
hatte, über die das Wasser nur noch sehr flach hinwegfloß,
entstand eine Furt, über die man zu Fuß, mit dem Pferd
oder einem Fahrzeug auf die andere Seite gelangen konnte. Später
wurde der Fluß mit Schiffen überquert. Fußgänger
benutzten ein kleines Fährboot, das Dielenschiff. Zum Übersetzen
von Vieh und Fahrzeugen gab es größere Fähren, die
in Hedemünden als Flößen bezeichnet wurden.
Der Hedemündener Flußübergang lag günstig:
Die Talerweiterung bot in Verbindung mit einer ausreichenden Anzahl
von Wegen, die einen sanften Anstieg auf und über die Höhen
ermöglichten, gute Voraussetzungen für den Fernverkehr
(Abb. 8).
Ein alter Überlandweg des Querverkehrs führte über
die Werrafurt nach Oberode, setzte sich danach in südwestlicher
Richtung fort und überwand allmählich, doch mit beachtlicher
Steigung für schwer beladene Pferdefuhrwerke, die Höhe
des Kaufunger Waldes (Abb. 8, Weg A).'Z Bei voller Ladung mußten
am Hang oft weitere Zugpferde vorgespannt werden; dadurch erhielten
Hedemündener und Oberoder Fuhrleute zusätzliche Verdienstmöglichkeiten.
Im Gegensatz zu diesem Hangweg sind die tief eingeschnittenen Bachtäler
der südlich gelegenen Buntsandsteinplatte wegen ihrer Steilheit
und Enge verkehrsabweisend und deshalb vom Fernverkehr gemieden
worden.
Verkehrstechnisch günstigere Bedingungen gab es schon immer
für den in nördlicher Richtung fließenden Verkehr.
Der alte Überlandweg verlief über das Steintor und die
Gertenbacher Straße, zweigte dann nach links zum Eselsstieg
und Saugraben ab und setzte sich über den Paß von Ellerode
und die Wasserscheide zwischen Werra und Leine zu den sanft abfallenden
westlichen Hängen des Leinegrabens fort (Weg B). Man konnte
auch vom Klippentor aus über den Hackelberg auf den beschriebenen
Weg gelangen. Im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts wurde
eine ähnlich verlaufende Straße nach Mariengarten gebaut.
Außer der alten Fernverkehrsstraße, in deren Richtung
heute die Autobahn Nr. 7 verläuft, gab es einen Weg durch das
Mannstal, am Brackenberg vorbei, durch Meensen hindurch, weiter
über die Dransfelder Muschelkalkfläche (Weg C). Erst im
ersten Drittel dieses Jahrhunderts entstand die Straße von
der Werrabrücke über den Hegen nach Ziegenhagen (Weg D).
Der übrige Landverkehr folgte ungefähr dem Lauf der Werra.
In südöstlicher Richtung waren die Voraussetzungen günstiger,
da die Höhen dort überwiegend einen ausreichenden Abstand
zum Fluß haben (Weg E). Flußabwärts in Richtung
Münden jedoch war der Hauptverkehr größtenteils
auf einen schmalen Streifen am rechten Ufer angewiesen, bei dem
der Flußverlauf und die Steilhänge stellenweise kaum
Ausweichmöglichkeiten ließen. Da der Weg zeitweilig auch
noch sumpfig war, ist er wahrscheinlich weitgehend gemieden worden.
In einer Karte von 1705 finden wir neben dem Weg im Talgrund auch
einen Höhenweg, den Mundischen Fahrweg, eingezeichnet (Weg
F), der vom Durchgangsverkehr vermutlich bevorzugt worden ist. Eine
Karte von 1806 zeigt uns zwei weitere Wege, die von Hedemünden
aus nach Westen führen. Sie enden allerdings am östlichen
Rand des Sudholzes (Wege G). Deutlich zu erkennen ist auf dieser
Karte der Lippoldshäuser Kirchweg, der noch bis vor kurzem
als Verbindungsweg von Hedemünden über Lippoldshausen,
Wiershausen und den Hermannshäger Weg nach Münden führte
(Weg H).
Schriftliche Beschwerden und Klagen Mündener Kaufleute über
ungünstige Wegverhältnisse der Talstraße, über
viele sumpfige, schon bei geringstem Hochwasser überschwemmte
Wegabschnitte führten schließlich zum Ausbau dieser Straße
in den Jahren 1830 bis 1832. Von da an konnte sie als Schotterstraße
gefahrlos das ganze Jahr über befahren werden, und der Verkehr
nahm deutlich zu. Die gesamte Chaussee von Münden nach Witzenhausen
wurde in den Jahren 1881/82 noch einmal verbreitert und mit Kleinpflaster
belegt. Im Jahre 1934 wurde sie zur Reichsstraße 80, heute
ist sie als Bundesstraße 80 für den Durchgangsverkehr
und als Autobahnzubringer verkehrsgerecht ausgebaut und stark befahren.
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