1 Anlass und Zielsetzung der Dorferneuerung

Hedemünden verfügt über einen historisch gewachsenen Ortskern, in dem sich die Phasen der fast 1000jährigen Entwicklungsgeschichte des Ortes vom ursprünglich bäuerlich geprägten Dorf über die Phase der selbständigen Ackerbürgerstadt bis hin zur Aufgabe der Eigenständigkeit durch Eingemeindung zur Stadt Münden ablesen läßt. Relikte aus allen historischen Epochen sind bis heute erhalten geblieben, im Laufe der Zeit wurden sie jedoch durch neuere Entwicklungen vielfach stark überprägt. Es bestand zeitweilig die Gefahr, dass aufgrund mangelnder Bereitschaft zur Instandhaltung der Gebäude sowie erheblichen Veränderungen an der Bausubstanz das Bild des gewachsenen Ortskerns zerstört werden könnte.

Durch die Auswirkungen der bis 1995 durch den Ortskern führenden Bundesstraße 80 und der von ihr ausgehenden erheblichen Lärm- und Abgas-Emissionen blieben private Investitionen in die Bausubstanz der zahlreichen Fachwerkhäuser vielfach aus. Aus verständlichen Gründen wurden seitens der Eigentümer Kosten für Sanierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen gescheut, da innerhalb kürzester Zeit die Fassaden durch Abgase und aufgewirbelten Straßendreck verschmutzt und durch Erschütterungen des Schwerlastverkehrs mit Rissen überzogen waren. Aufgrund dieser zwangsläufigen Vernachlässigung der Bausubstanz war vor der Einleitung der Dorferneuerung bereits ein großer Teil des historischen Gebäudebestandes heruntergekommen, unansehnlich und teilweise vom Verfall bedroht.

Eine weitere gravierendere Bedrohung für die wertvolle Bausubstanz erlebte der Ort aufgrund der in den sechziger und siebziger Jahren einsetzenden Modernisierungsbewegung, die vor allem eine Verbesserung der individuellen Lebensbedingungen zum Ziel hatte. Die Fachwerkhäuser mit ihren unebenen Decken und Wänden, den schlecht isolierten Sprossenfenstern und den als nicht zeitgemäß empfundenen Materialien entsprachen vielfach nicht mehr den Anforderungen und Wünschen an den gestiegenen Lebensstandard. Es wurde versucht, die historischen Gebäude an den Neubaustandard anzupassen. Diese Entwicklung entsprach dem damaligen Geist und stellte eine Parallelbewegung zur Errichtung der Großwohnsiedlungen in den Städten dar. Wohnung, Haus und Wohnumfeld wurden den Gesetzen der Zweckmäßigkeit unterworfen - wie Neubauten sollten nun auch die Fachwerkhäuser pflegeleicht und einfach zu bewirtschaften sein.

Für den Bestand der Hedemündener Fachwerkhäuser hatte diese Entwicklung wesentliche Auswirkungen: Zahlreiche Häuser wurden mit Fenstern ausgestattet, die erheblich von den bisherigen Formaten, Gliederungen, Materialien und Farben abwichen. Wertvolle Massivholz-Haustüren wurden durch Modelle aus Aluminium, Kunststoff und Glas ersetzt. Die ortsbildprägenden Freitreppen vor den Gebäuden wurden geschleift, Vordächer ohne jeden materiellen und tektonischen Bezug über den Eingängen angebracht. Fassaden wurden teilweise vollständig mit pflegeleichten Eternitplatten verhängt oder verputzt, Gefache mit Glasbausteinen ausgekleidet. Höfe wurden mit Beton oder Verbundpflaster versiegelt, Schwing-Garagentore ersetzten die ehemaligen zweiflügeligen Holztore. Hinzu kamen Neubauten wie das Gebäude der Raiffeisenbank/Volksbank, die ohne jede Rücksicht auf die gewachsene Situation errichtet wurden und noch heute wie Fremdkörper wirken. Zu dieser Zeit wurden die alten Häuser von ihren Eigentümern in erster Linie als Belastung angesehen, Vorbilder für modernes, zeitgemäßes Wohnen waren die am Ortsrand entstehenden Neubauten. Mit dem Aufkommen der Bau- und Heimwerkermärkte war es plötzlich möglich, mit geringem Aufwand "Neubaustandard" auch in den historischen Gebäuden herzustellen. Ästhetische Gesichtspunkte, insbesondere solche des Ortsbildes, spielten damals keine Rolle.

Erst in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren [1] entstand ein neues Bewußtsein für den historischen, kulturellen und ästhetischen Wert der historischen Bausubstanz und der durch einheitliche Gestaltungsmerkmale geprägten Orte. Gemeinschaftsaktionen wie "Unser Dorf soll schöner werden" erweckten das Interesse und den Ehrgeiz bei den Bewohnerinnen und Bewohnern der bislang wenig beachteten ländlichen Gemeinden. Mit der Einführung staatlicher Förderung für die Dorferneuerung erfuhr die Umgestaltung der Ortschaften und der behutsame Umgang mit historischen Bauten einen neuen Stellenwert.

Auch in der Hedemündener Bürgerschaft, den politischen Gremien und der Stadtverwaltung setzte schließlich (etwa Mitte der achtziger Jahre) die Erkenntnis ein, dass durch die vielen individuellen Veränderungen an den Gebäuden sowie die physische Zerstörung der Bausubstanz durch die Auswirkungen des Kraftfahrzeugverkehrs das Ortsbild nachhaltig beeinträchtigt wird. Um das Erscheinungsbild der Ortes zu retten und sowohl die bauliche Substanz als auch die gestalterische Einheitlichkeit wiederherzustellen, stellte die Stadt Münden schließlich einen Antrag auf Aufnahme in das Dorferneuerungsprogramm des Landes Niedersachsen.


Anmerkung:
[1] Mit der Ausrufung des "Europäischen Denkmaljahres" im Jahre 1975 fand eine erste und wesentliche gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema statt. Auf dieser Grundlage bildeten sich verschiedene Initiativen (Deutsche Stiftung Denkmalschutz u.a.); in der Folge wurden staatliche Förderprogramme aufgelegt. (zurück zur Textstelle)


Quellenangabe:
Autor: Thomas Robbin, Dezember 2001. Die Informationen wurden entnommen aus: Dorferneuerung Hedemünden - Bestandsaufnahme und Planungskonzept, Dipl.-Ing. Architekt Joachim Desczyk, Hannover/Hedemünden 1991
Ein Exemplar des Dorferneuerungsplanes befindet sich zur Einsicht in der Ortsbücherei Hedemünden.


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